Netzwerk Blühende Landschaft
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Offener Brief an den WWF: Anbau von Gen-Soja kann nicht nachhaltig sein

Liebe Kolleginnen und Kollegen vom WWF!

Seit 1996 mit Soja und Mais die ersten gentechnisch veränderten Produkte auf die Märkte der EU gelangten, verkünden die Vertreter der einschlägigen Firmen und die mit ihnen eng zusammen arbeitenden Wissenschaftler und Politiker: Die Agro-Gentechnik sei nicht mehr aufzuhalten, ihr Siegeszug werde weder vor Europa noch vor Deutschland halt machen,
Widerstand sei zwecklos.

Dazu ist es nicht gekommen: Nur eine gentechnisch veränderte Pflanze darf auf den Äckern der EU angebaut werden, der von Monsanto entwickelte Mais Mon 810. Gerade auf 1,2 Prozent der gesamten Maisanbaufläche der EU wurde er ausgebracht, sechs Länder haben ihn verboten. Kurzum: Kaum eine andere Bewegung war und ist in der EU so erfolgreich wie die Anti-Gentechnik-Bewegung. Dafür kämpfen wir seit 1996, darauf können wir stolz sein. Unser Erfolgsrezept: Wir sind es, die die europäische Öffentlichkeit mit unseren Argumenten überzeugt haben – nicht die Protagonisten der Agro-Gentechnik, ihre Lobbykampagnen und ihre PR-Agenturen. Wir kommen aus der Mitte der Gesellschaft, wir – das sind Umweltbewegte, Hausfrauen, Imkermeister, Bürgermeisterinnen, konventionelle und ökologisch wirtschaftende Landwirte, Ärztinnen, Lebensmittelhersteller. Wir sind lokal verwurzelt – Landwirte und Kommunalpolitiker gründen gentechnikfreie Regionen und Kommunen und schließen auf ihrem Grund und Boden den Anbau gentechnisch veränderter
Pflanzen aus.

Doch nicht nur die EU mit ihren gefestigten Demokratien und ihrer starken Zivilgesellschaft ist ein Bollwerk gegen Agro-Gentechnik, auch der Widerstand in Südamerika wächst. Das hängt vor allem mit den negativen Erfahrungen zusammen, die die ortsansässige Bevölkerung mit dem Anbau gentechnisch veränderter Soja macht. So berichtete jüngst die Grupo Reflexion Rural (GRR) aus Argentinien, dass das Ausbringen von jährlich 200 Millionen Litern Glyphosat auf den Soja-Feldern eine gesundheitliche Katastrophe bewirkt habe: Krebs, Missbildungen, Autoimmunerkrankungen, Atemwegs- und Hautkrankheiten seien auf dem Vormarsch, die Staatspräsidentin habe eine Untersuchungskommission eingerichtet, Entschädigungsmöglichkeiten würden geprüft.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit großer Sorge verfolgen wir den vom WWF mitinitiierten Prozess des Round Table on Responsible Soy (RTRS), an dessen Ende ein Zertifizierungssystem stehen soll, das auch dem Anbau gentechnisch veränderter Soja „Nachhaltigkeit“ oder „Verantwortlichkeit“ bescheinigen wird. Damit würde der Gentech-Pflanze schlechthin, die auf der Hälfte der mit Gentech-Saaten bestellten Fläche wächst, ein grünes Mäntelchen umgehängt. Profitieren würden vielleicht wenige high conservation value areas, die nicht dem Anbau von Soja zum Opfer fielen, aber sicher nicht die Umwelt insgesamt und schon gar nicht die Menschen, die in den Sojaanbaugebieten leben. Sondern
in erster Linie die multinationalen Konzerne, die mit am Tisch sitzen: die Händler von Agrarmassengütern wie Bunge, ADM und Cargill, Ölfirmen auf der Suche nach Alternativen zu fossilen Treibstoffen wie Shell und BP und die Gentechnikfirmen wie Monsanto, Syngenta und Bayer. Sie alle eint das Interesse, ihre Geschäfte unbehelligt von allzu viel öffentlicher
Kritik zu betreiben und gerade den Verbraucherinnen und Verbrauchern in der EU signalisieren zu können: Seht her, der Anbau von gentechnisch veränderter Soja ist nachhaltig und verantwortbar, das bescheinigt uns der WWF.

Wir teilen die Ansicht des WWF nicht, der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen sei eine Entwicklung, die sich nicht mehr stoppen, geschweige denn umkehren ließe. So steigen im Gentechnikland Nr. 1, in den USA, Farmer erstmals seit Beginn des Anbaus gentechnisch veränderter Soja wieder auf konventionelle Sorten um, weil Monsanto die Saatgutpreise extrem nach oben getrieben hat, weil sich Resistenzen gegen Glyphosat zunehmend auch zu einem wirtschaftlichen Problem entwickeln und weil auf internationalen Märkten inzwischen ein Aufpreis für gentechnikfreie Soja gezahlt wird. Eine ähnliche Situation zeichnet sich im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso ab. Hier zeigen sich die
Sojaproduzenten enttäuscht von den dürftigen Erträgen der Monsanto-Sojabohnen. Und in Deutschland verfüttert FrieslandCampina - eine der größten Molkereien hierzulande - seit letztem Jahr für ihre Premiummarke: Landliebe, die sie als „ohne Gentechnik“-Milch labeln, nur Futtermittel aus heimischer Produktion.

Wir sehen, dass der Anbau gentechnisch veränderter Soja an seine Grenzen stößt, zu offensichtlich sind die ökologischen und gesundheitlichen Schäden, die sich bereits jetzt abzeichnen. Wir akzeptieren nicht, dass der WWF dazu beiträgt, ein gescheitertes System der Intensivlandwirtschaft weiterhin am Leben zu erhalten. Wir setzen darauf, dass mit der neuen Kennzeichnungsmöglichkeit „ohne Gentechnik“ die Nachfrage nach gentechnikfreien Futtermitteln wächst und damit die Anbauflächen für Gentechnik-Soja mittelfristig zurückgehen wird. Wir wehren uns dagegen, dass ein mit dem Nachhaltigkeitszertifikat versehenes Label für Gentechnik-Soja diese Bemühungen untergräbt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen vom WWF, es ist nicht vermittelbar, dass der WWF Europa sich in offiziellen Verlautbarungen gegen Gentechnik ausspricht, dieselbe Gentechnik dann aber als WWF International über Beschlüsse des Runden Tisches salonfähig macht. Die von einigen WWF-Gruppen angestrebte Lösung - so auch von WWF Deutschland – über den RTRS eine Gentechnik-Linie und eine „ohne Gentechnik“-Linie zu etablieren, halten wir für Augenwischerei. Die Folge von einer solchen Strategie ist, dass die „ohne Gentechnik“-Linie klein gehalten wird. Zum anderen würde die „ohne Gentechnik“-Linie sofort dazu benutzt, die Gentechniklinie schön zu reden.

Wir fragen Euch: Glaubt Ihr im Ernst daran, Konzernen wie Monsanto und Syngenta Zugeständnisse abringen und sie in ihre Schranken verweisen zu können? Und wie erklärt Ihr, mit Unternehmen wie Cargill, Bunge und ADM Zusammenzugehen, die daraufhin arbeiten, die Gentechnikgesetzgebung der EU zu unterhöhlen? Ihre Mitarbeit am Runden
Tisch hindert sie nicht im Geringsten daran, seit zwei Jahren eine massive Kampagne gegen die Aufhebung der Nulltoleranz für in der EU nicht zugelassene gentechnisch veränderte Organismen zu fahren.

Wie erklärt Ihr den Nichtregierungsorganisationen aus dem Süden, immerhin über 200 Gruppen inzwischen, dass Ihr gegen ihren erklärten, über Briefe, Protestkundgebungen und vielfältige Aktionen ausgedrückten Willen einen Prozess vorantreibt, mit dem Ihr den Anbau gentechnisch veränderter Soja legitimiert?

Ist Euch nicht klar, dass Ihr uns – und vielen anderen Nichtregierungsorganisationen in Süd und Nord – damit in den Rücken fallt? Ist Euch nicht bewusst, dass Eure eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht?

Wie wollt Ihr Euren Förderern, Euren Spendern und Mitgliedern vermitteln, dass der Anbau gentechnisch veränderter Soja nicht so schlimm ist – Hauptsache, es sind dafür keine wertvollen Schutzgebiete geopfert worden?

Und bedenkt bitte: Wir werden der Gentechnik-Soja niemals „Nachhaltigkeit“ attestieren. Wir werden uns nicht scheuen, den RTRS als greenwashing – Projekt zu bezeichnen. Damit steuern wir auf einen offenen Dissens mit dem WWF zu – in den Medien und in der breiten Öffentlichkeit.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir bitten Euch: Denkt noch mal in Ruhe darüber nach, ob Ihr den richtigen Weg beschritten habt oder ob es nicht an der Zeit ist, deutliche Korrekturen vorzunehmen. Eurer Antwort sehen wir gerne entgegen.

Es grüßen Euch
_____________________________
i. A. Georg Janßen, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL)

Mitunterzeichner des Briefes:

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) e.V., Georg Janßen,
Heiligengeiststraße 28, 21335 Lüneburg, www.abl-ev.de

Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW), Peter Röhrig,
Marienstraße 19-20, 10117 Berlin, www.boelw.de

BUND e.V., Martha Mertens,
Am Köllnischen Park 1, 10179 Berlin, www.bund.net

Bündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft Niedersachsen, Bremen, Hamburg,
Annemarie Volling, c/o AbL, Heiligengeiststraße 28, 21335 Lüneburg

Demeter e.V., Stephan Illi,
Brandschneise 1, 64295 Darmstadt, www.demeter.de

Gentechnikfreie Regionen in Deutschland, Annemarie Volling, c/o AbL,
Heiligengeiststraße 28, 21335 Lüneburg, /> www.gentechnikfreie-regionen.de

Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit, Siegrid Herbst, Hohe Straße 9, 30449 Hannover, www.gentechnikfreie-saat.de

Interessengemeinschaft Nachbau, Georg Janßen,
c/o AbL, Heiligengeiststraße 28, 21335 Lüneburg, , www.ig-nachbau.de

Mellifera e.V., Thomas Radetzki
Fischermühle 7, 72348 Rosenfeld, , www.mellifera.de

Naturland e.V.; Steffen Reese,
Kleinhaderner Weg 1, 82166 Gräfelfing, www.naturland.de

NEULAND e.V., Jochen Dettmer,
Baumschulallee 15, 53115 Bonn, www.neuland-fleisch.de

Netzwerk Blühende Landschaft, Holger Loritz, Wetzelstraße 13, 96047 Bamberg,
www.bluehende-landschaft.de

Save our Seeds, Benedikt Haerlin, c/o Zukunftsstiftung Landwirtschaft,
Marienstraße 19, 10117 Berlin, www.saveourseeds.org

Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Oliver Willing,
Christstraße 9, 44789 Bochum, , www.zs-l.de

06.05.2009

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